Text de/eng

Next
Der Kreis ist ihr suspekt, Ulrike Krone hat ihn aus ihrer Formensprache
verbannt, denn er entspricht nicht ihrer Vorstellung von Wirklichkeit.
Kantige Flächen sind ihr Terrain. Harmonien entstehen aus Brüchen und
subtilen (Farb-)differenzierungen.
Erste figürliche Arbeiten und Studien nach der Natur, naturalistische
Interpretationen des Sichtbaren schulen ihr Sehen, werden jedoch
schnell überwunden. Übermalungen, zweifelhafte stimmungsabhängige
Veränderungen am Bild will sie nicht zulassen. Ulrike Krone strebt von
der Figur zur Form, zur reinen Form.
Eine Reise nach Neuseeland im November 2008 bringt den Durchbruch.
Fotografien sind Grundlagen, um klare Verhältnisse zu schaffen:
Ausschnitte, Einschnitte eliminieren alles was der konkreten Form im
Weg ist. Menschen haben darin keinen Platz. Ihr Blick richtet sich auf
Architektur und städtebauliche Kuriositäten, Siedlungen, Industriegebiete
finden ihr Interesse. Nicht der Gegenstand in seiner Bedeutung steht im
Vordergrund, sondern seine Form.
Farben und Pinsel treten in den Hintergrund, Collagen aus Buntpapier
auf glatten Oberflächen ermöglichen Perfektion in der Linienführung und
immer neue Variationen von Formen und Farben. Next.
Der Drang nach radikaler Abstraktion erzwingt 2009 die Loslösung vom
unmittelbar Sichtbaren, Erfahrungen im eigenen Arbeitsprozess sind
Quelle ihrer Inspiration.
Die Formfindungen erwachsen aus der Arbeit mit Lineal und Cutter.
Ulrike Krone schafft neue, eigene Strukturen, kreiert ihre eigene
Wirklichkeit. Ebenen schieben sich ineinander. Was ist vordergründig,
was tiefgründig? Trotz Schichtungen und Überlagerungen ist
Transparenz oberstes Gebot. Perspektiven, Richtungen wechseln,
scharfe Linien werden gezogen, selten weicht sie auf Kurven aus. Ihr
Material: Klebefolie auf Alu Dibond Platten.
Der Titel "Next" dieser seriellen Arbeit provoziert die Frage nach
Austauschbarkeit, nach Beliebigkeit und evoziert die Reflexion über
Beständigkeit, definitive Entscheidungen, gültige Werte (vgl. MTVSendung
"Next", Dating show: der/die potentielle PartnerIn kann mit
einem "next" abgewiesen werden und es bietet sich ein neuer Partner
an).
Ulrike Krone sehnt sich nach totaler Freiheit. Keine Vorgaben von
Personen, Landschaften oder Gegenständen werden geduldet.
Das Bild wird zum freien Assoziationsraum für den Betrachter, jeder ist
eingeladen, sich eigene individuelle Inhalte zu schaffen, immer wieder
neue Realitäten. Next.
Die Abstraktion wird gesteigert durch kontrastierende Negativformen,
Leere, Silhouetten. Im Wechselspiel von Hinzufügen und Weglassen
entstehen immer wieder neue spannungsgeladene Räume der
Imagination, Linien fließen über den Bildrand hinaus, greifen in das
Raumgefühl ein. Next.
Ulrike Krone sieht sich als Malerin, sie kennt die Magie der Farben. Die
Töne ihrer Klebefolien wählt sie mit Kalkül aus und erfindet durch
Farb/Folien- Überklebungen überraschende, ungewöhnliche Nuancen
und immer wieder neue Farbfelder. Und harte Schnitte erscheinen
plötzlich weich.
Es ist die pure Lust an der Vielfältigkeit der Dinge - und an der
Unendlichkeit dieser "ars combinatoria".

Joachim Becker
April 2010

www.becker-art.com
Textrechte: Joachim Becker

 


Next
Ulrike Krone skirts circles with suspicion, banning them
from the language of forms as failing to match her concept of reality. 

Angular shapes are her territory. Harmonies are created from contrasts
and subtle (chromatic) shifts. Figurative works and studies from nature,
naturalistic interpretations of the visible initially train her vision
but are soon transcended. She refuses to countenance overpainting or
dubious changes to images in thrall to transient moods.
Ulrike Krone strives to develop from figure to form, pure form.
Her breakthrough comes from a journey to New Zealand in November 2008.

Photographs form the basis for creating clarity; cut-outs and
incisions eliminate all obstructions to concrete form.
People have no place there. Her view is directed at architecture and
curiosities of city planning, with residential and industrial
estates capturing her interest.
Her focus is not on objects in terms of their significance,
but in objects as forms. Brush and paint take a back seat to collages of
coloured paper on smooth surfaces, enabling perfect lines and
an array of new variations of colour and shape to be created.
Next. In 2009, Ulrike Krone is compelled by an impulse towards
radical abstraction to renounce the directly visible,
drawing on her experiences from her own working process to
provide inspiration. Forms arise out of working with a ruler and knife.
Ulrike Krone creates her own new structures, establishes her own reality.
Layers telescope into one another. What is foreground, what background?
Despite the layering and superimpositions, transparency is paramount.
Perspectives and directions shift, sharp lines are drawn -
she rarely resorts to curves.
Her material: adhesive foil on aluminium dibond panels.
The title "Next" for this serial work provokes the question of exchangeability and
arbitrariness and evokes reflections on permanence, definitive decisions,
valid values (see the MTV show "Next", a dating show in which the comment of
"Next" is enough to reject one potential partner and bring on a new candidate).
Ulrike Krone longs for total freedom, tolerating no specifications concerning persons,
landscapes or objects.
An artistic work becomes a space in which free associations can unfold,
where observers are invited to create their own individual content,
one new reality after another. Next.

The abstract vision is heightened by contrasting negative shapes, voids, silhouettes.
The interplay of addition and omission generates a procession of new,
electric spaces of the imagination; lines flow beyond the frame and
spill into the perception of space. Next. Ulrike Krone regards herself as a painter,
familiar with the magic of colour.
She selects the hues of her adhesive foils with meticulous care and
overlays different shades and foils to explore startling,
unusual nuances and arrays of new colour fields.
Hard edges take on a sudden softness.
The crux is her pure pleasure in the diversity of things -
and the infinite nature of this "ars combinatoria".


Joachim Becker

April 2010

www.becker-art.com
text rights: Joachim Becker

Translation: Alison Moffat
www.englischersprachdienst.de

 

 

NEXT heißt die erste Einzelausstellung der in Berlin lebenden Künstlerin
Ulrike Krone in der Galerie Funke. Seit 2009 arbeitet Krone an der gleichnamigen
Bildserie, die Papiercollagen, Malerei, Siebdrucke, Zeichnungen sowie zwei- und
dreidimensionale Collagen mit Klebefolie auf Aluminium-Dibond-Platten umfasst.
Der Titel NEXT deutet auf ein zeitliches Moment, auf Bewegung und Geschwindigkeit.
In ihren neuesten Arbeiten von 2011 umwickelt Krone alltägliche Verpackungsmaterialien,
Fundstücke oder weiches, flexibles PVC mit farbigen Folien, so dass die Werke einen
reliefartigen, objektähnlichen Charakter erhalten.
Neben großen Hochformaten zeigt die Galerie Funke kleinere, kompakte Collagen
in etwa DIN A 4 Größe. Durch die Umklebung erscheinen die Arbeiten verschnürt,
auf sich konzentriert, beinahe introvertiert und in sich abgeschlossen.
Ihre Dreidimensionalität öffnet sie andererseits dem Raum und – in naher Hängung -
korrespondieren und kommunizieren die Werke miteinander.
Einige greifen mit ihren hervorragenden Kurven und
Wölbungen das Formenrepertoire späterer Arbeiten Frank Stellas auf.
Die meisten Werke von Ulrike Krone kennzeichnet hingegen eine horizontale,
von Diagonalen gekreuzte Ausrichtung bei gleichzeitiger Verwendung eines
vertikalen Bildformats. Die schräg verlaufenden Bewegungsrichtungen erzeugen,
ähnlich wie die leuchtenden, oftmals durchscheinenden Farben,
eine Spannung und Dynamik, die über den Bildrand hinweg und
in den Raum hinein drängt. Die Intensität der Farben, die jähen Brüche und
Überlagerungen einzelner Formen in der Bildkomposition,
rufen Assoziationen an die Malerei Katharina Grosses
und die der Abstakten Expressionisten Clyfford Still und Richard Diebenkorn hervor,
auf deren Werke die Künstlerin entfernt Bezug nimmt.
Das Lichte und die Transparenz der Farben, sich überschneidende,
dann wieder vereinzelte Formen von Keil, Dreieck und Geraden erwecken Erinnerungen
an die konstruktive Kunst von El Lissitzky und Wassily Kandinsky oder
an die Bilder von Henri Matisse.
Ulrike Krones 3 D-Collagen sind offensichtlich Hand gemacht,
der improvisatorische oder provisorische Eindruck ersetzt den Duktus des Pinsels.
Die zweidimensionalen, die plane Bildebene betonenden Werke mit Klebefolie auf
Alu-Dibond sind im Bildaufbau strenger und vermeiden jede Anspielung auf die sichtbare
Handschrift der Künstlerin. Hier überwiegt die exakte Abgrenzung der farbigen Flächen
voneinander und der Anspruch klarer Kanten und Ecken steht im Vordergrund.
Abstrakte Tendenzen des Konstruktivismus, Minimalismus, des Hard Edge und
der Farbfeldmalerei verweisen nicht nur auf die Tradition früher Arbeiten von Frank Stella
sondern auch auf die bemalten Holz- und Aluminiumplatten der beiden Beuys-Schüler
an der Düsseldorfer Kunstakademie Imi Knoebel und Blinky Palermo.
Dementsprechend schätzt Krone die aus verschiedenfarbigen Leinwänden aneinander
genähten Stoffbilder Palermos, die – ähnlich wie ihre eigenen Werke –
und Mark Rothko zitierend – trotz des Hochformats auf Landschaften
verweisende Horizontalität suggerieren. Die Bezugnahme auf Landschaften und
Architekturen ist von der Künstlerin intendiert und in der Entwicklung ihres Werkes angelegt.
Krone malte Landschaftsbilder, fertigte Skizzen nach der Natur, bis sich Figuration und
Form mehr und mehr auflösten, das Gestische im Mittelpunkt stand mit dem Ziel,
die Leichtigkeit der Natureindrücke locker und frei auf das Bild zu übertragen.
Diese Art des Verfahrens erschien der Künstlerin schnell zu beliebig und willkürlich.
Stattdessen suchte sie nach Strukturen, Formeln und Vorgaben für ihre Werke.
Sie zerschnitt Fotografien, die Motive aus der Werbung, urbane Umgebungen und
Bauten zeigten, und fertigte daraus Collagen, die neue abstrakte Konstellationen und
formale Zusammenstellungen provozierten.
Krone collagierte farbiges Tonpapier auf Pappe und führte die Kompositionen nun
wieder mit dem Pinsel als großformatige Bilder aus, wobei die Formen allerdings
strikt durch die Vorlagen vorgegeben waren.
Ulrike Krone, die 2010 als Meisterschülerin bei Burkhard Held an der Universität der Künste,
Berlin, abschloss, versteht sich als Malerin, auch wenn sie mit den Mitteln der Collage und
Klebefolie statt mit dem Pinsel arbeitet.
Ihre Arbeiten sind konstruktiv-abstrakt, aber dennoch eng verbunden mit der
Gegenwärtigkeit des gesellschaftlichen Alltags.
Analog zu musikalischen Klängen vermitteln ihre Bilder Rhythmus und Tempo,
Lautstärke und Stille, Ordnung und Chaos.
Während der Entstehung und Ausführung ihrer Werke hört Krone elektronische Musik.
Als eine weitere Ebene der Abstraktion in einem anderen Medium lässt sie
nur die Beats und den Sound ohne Gesang oder Text auf sich wirken.
Für Krone ist das Prinzip der Collage eine Technik, die Spontaneität, Veränderlichkeit,
Variationsbreite zulässt und den Elan einer expressiven und intuitiven Arbeitsweise.
„Nichts ist starr, alles kann sich bewegen“, sagt sie über ihre künstlerische Strategie
,„Ich habe nicht das Gefühl irgendwo stehen zu bleiben, sondern setze Ideen schnell um.“
Diese Offenheit und Freiheit bietet sie ebenfalls den Betrachtern ihrer Werke an:
Sie macht ihnen keine Vorgaben, sondern möchte Möglichkeiten des Sehens und
Entdeckens eröffnen.
Der Titel NEXT spielt nicht allein auf eine Speed-Dating-Sendung im Fernsehen an,
sondern auf die Schnelllebigkeit, Austauschbarkeit, Beliebigkeit und Informationsflut
unserer Gegenwart: die nächste Mode, der nächste Trend, die nächste technische Entwicklung,
der nächste Artikel auf dem Markt, die nächste Nachricht....
Die Abkürzungen und Nummerierungen der einzelnen Bildtitel der Arbeiten Krones
betonen diese Aktualität, indem sie, ähnlich etwa den Bildtiteln des Künstlers Frank Nitsche,
wie digitale Codes oder Dateinamen klingen.

Claudia Funke
Juni 2011

www.galerie-funke.de
Textrechte: Claudia Funke

 

 

 

NEXT is the first exhibition at Galerie Funke by the Berlin-based artist Ulrike Krone.
Krone's series of images of the same name has been in progress since 2009,
comprising paper collages, paintings, screen prints, drawings and two and
three-dimensional collages of adhesive foil on aluminium dibond panels.
The title NEXT expresses a moment in time, motion and speed.
In Krone's newest works from 2011, the artist wraps everyday packaging materials,
found objects and soft, flexible PVC in coloured foils to create works that are
reminiscent of reliefs or natural objects.

The exhibition at Galerie Funke presents large-scale panel formats and
smaller compact collages about the size of a sheet of paper.
Their adhesive wrapping gives the works the appearance of being entrammeled,
of inner concentration - almost introversion - and self-containment.
Yet their very three-dimensionality opens them up to the space they occupy,
within which they correspond and communicate with one another
from their positions in proximity.
While the protruding curves and bulges of some of Ulrike Krone's works echo the later period
of Frank Stella, the majority feature a vertical image format with horizontal orientation
criss-crossed by diagonals.
Like the glowing, often translucent colours, these angled directions of motion
generate a tension and dynamism which spills over the edge of the picture and
extends into the exhibition space itself.
The intensity of the colours, the jagged contrasts and overlaying of individual forms
in the composition of the images, evoke the painting of Katharina Grosse and
the Abstract Expressionists Clyfford Still and Richard Diebenkorn,
whose works are indirectly referenced by the artist.
The light, transparent nature of the colours and the use of overlapping or isolated wedge,
triangle and linear shapes are reminiscent of the constructive art of
El Lissitzky and Vassily Kandinsky or the pictures of Henri Matisse.
Ulrike Krone's 3-D collages are visibly hand-made,
their improvisational or provisional air standing
in place of the painter's brushstroke.

A more rigorous structure permeates the two-dimensional,
planar works using adhesive foil on aluminium dibond panels,
which eschew any reference to the artist's visible hallmarks.
Here abrupt transitions between the areas of colour predominate,
and clear-cut edges, angles and corners are the goal.
Abstract tendencies of Constructivism, Minimalism, Hard Edge and
colour field painting reference not only the tradition of Frank Stella's early works,
but also the painted wooden and aluminium panels of Beuys's two students at
the Düsseldorf Academy of Art, Imi Knoebel and Blinky Palermo.
Krone accordingly esteems Palermo's 'fabric paintings' composed of fabric in
various shades stitched together, which - like her own works - reference Mark Rothko
with their suggestion of horizontality despite their panel format.

Associations with landscapes and architectures are deliberate and
form the bedrock of her development.
Krone painted landscapes and sketched from nature until figure and
form increasingly blurred and her focus shifted to the gestural,
with the aim of capturing the lightness of impressions from nature
in the finished image with ease and freedom.

Rapidly finding this method to be too arbitrary and random,
the artist sought structures, formulas and guidelines for her work,
cutting up photographs of advertising subjects, urban environments and buildings
to create collages that triggered new abstract constellations and formal assemblies.
Krone produced collages from coloured paper on cardboard, turning to the brush to
complete her compositions as large-scale images
whose forms were strictly predefined by their templates. 

Ulrike Krone, who graduated from the Berlin University of the Arts in 2010
as a master student under Burkhard Held, perceives herself as a painter,
albeit one who has replaced the brush with collage and adhesive foil.
Though constructivist and abstract, her work is closely allied
with the contemporaneity of everyday life in society.
Her works communicate rhythm and tempo, sound and silence,
order and chaos in a similar way to music.
Krone listens to electronic music while designing and creating her works,
and absorbs the effect of the beats and the overall sound - ignoring song and lyrics -
as a further level of abstraction in a different medium.
For Krone, collage is a technique that permits spontaneity,
variability and diversity and the élan of an expressive, intuitive working method.
She explains her artistic strategy as "Nothing is fixed, everything can move", stating,
"I don't feel I am standing still somewhere; I rapidly put ideas into practice."

Krone also extends this openness and freedom to viewers of her work,
refraining from guiding or instructing and instead aiming to open up
new possibilities of seeing and exploring.
The title NEXT refers to a speed dating show on TV,
but also to the fast pace, exchangeability, arbitrariness and
information overload that characterize our age:
the next fashion, the next trend, the next technological development,
the next product on the market, the next message ...
The abbreviations and numbers that form the titles of Krones' individual works
highlight this cutting-edge timeliness with their resemblance -
like the picture titles of artist Frank Nitsche - to digital codes or file names.

Claudia Funke
June 2011

www.galeierfunke.de
Textrights: Claudia Funke

 


Translation: Alison Moffat
www.englischersprachdienst.de

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Copyrights: Ulrike Krone 2020